Der Erste Weltkrieg in Sachsen

1914 hatte Sachsen etwa 5 Millionen Einwohner. Etwa eine Million wehrtauglicher Männer lebten im Land, davon kamen in den vier Kriegsjahren etwa 750.000 zum Einsatz. Das Statistische Jahrbuch 1918/20 (44. Ausgabe, Januar 1921, S.74)  verzeichnet für den Zeitraum von 1914 bis 1918 125.874 Kriegssterbefälle. Die meisten der im Krieg getöteten sächsischen Soldaten waren zwischen 21 und 25 Jahre alt. Krankheiten und Nahrungsmangel forderten auch unter den Zivilpersonen zehntausende von Opfern. Noch im August 1919 galten in Sachsen 18.000 Personen als vermisst, zum Teil wurde ihr Schicksal nie geklärt.

Die sächsische Armee – im Feuer an zahlreichen Fronten
Die sächsische Armee war im Deutschen Kaiserreich nach der Reichsverfassung von 1871 rechtlich selbständig. Sachsen stellte im Kaiserreich schlagkräftige Truppen, die unter anderem an der erfolgreichen Niederschlagung des Boxeraufstandes in China Anfang des 20. Jahrhunderts beteiligt waren. Die beiden in Sachsen stationierten Armeekorps sowie das sächsische Reserverkorps wurden mit Beginn des Krieges mobilisiert und der 3. Armee angegliedert. Sie unterstand dem Befehl des Generaloberst und sächsischen Kriegsministers a.D. Max von Hausen.  Später wurde noch ein sächsisch-württembergisches Reserve-Korps aufgestellt, das zur 4. Armee nach Flandern kam. Im Ersten Weltkrieg wurden insgesamt 18 Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision der sächsischen Armee aufgestellt.

Die sächsischen Truppen kämpften an zahlreichen Brennpunkten des Ersten Weltkrieges, vorwiegend an der Westfront. Sie wurden beispielsweise in Flandern (Belgien) eingesetzt, wo es zum Massaker von Dinant kam. Dabei wurden von deutschen Soldaten 674 Zivilisten getötet und hunderte von Häusern zerstört. 2001 wurde dies von der Bundesrepublik Deutschland anerkannt und man sprach eine Entschuldigung gegenüber den Hinterbliebenen und ihren Nachkommen aus. Sächsische Truppen kämpften auch in den Schlachten in Nordfrankreich an der Somme und an der Marne. Die Kavallerie kam in der berühmt gewordenen Schlacht bei Tannenberg 1914 an der Ostfront zum Einsatz.

Wissenschaft und Industrie
Wie überall im Reich wurde auch Sachsens Industrie ohne Kompromisse auf Kriegsproduktion umgestellt. Das bedeutete, dass die Versorgung kriegswichtiger Betriebe mit Rohstoffen und Zwischenerzeugnissen, die Verpflegung der Soldaten im Feld und die ausreichende Bereitstellung von Lebensmitteln für die Bevölkerung gewährleistet werden mussten. In Dresden wurde deshalb eine Kriegsrohstoffstelle eingerichtet, die den gesamten Waren- und Produktionsverkehr lenken sollte.

Sachsens Stärke waren Textil- und Chemiebetriebe, eine "klassische" Rüstungsproduktion gab es im Königreich hingegen nicht. Dies änderte sich erst während des Krieges, wobei Leipzig zum wichtigsten Produktionsstandort aufstieg. Dort ist insbesondere die Hugo Schneider AG zu nennen, die ihre Produktion auf Messingteile für Munition umstellte - dieses Unternehmen konnte seine Umsätze im Krieg verdreifachen. Die Fahrzeugindustrie Sachsens erlebte in den vier Kriegsjahren einen ähnlich fulminanten Aufstieg. Es profitierten die Automobilwerke in Zwickau (Horch und Audi) in Plauen (VOMAG) und Wanderer (Chemnitz) wie auch die Flugzeugwerke in Leipzig. Trotz des Beschäftigungszuwachses in kriegswichtigen Industriezweigen nahm die Wirtschaftsleistung Sachsens, im Vergleich zu anderen Ländern im Kaiserreich, am stärksten ab. Sächsische Industrielle machten dafür die Bevorzugung von preußischen Fabrikanten verantwortlich, angesichts der wirtschaftlichen Vorzeichen waren die kriegswichtigen Betriebe aber eher in anderen Ländern zu finden.

Bedeutender - auch angesichts der Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg - waren die wissenschaftlichen Grundlagen, die an der TH Dresden geschaffen wurden. Hervorzuheben ist die Rolle Heinrich Barkhausens, der während des Ersten Weltkrieges im Bereich Nachrichtentechnik für die deutsche Armee forschte. Die entdeckten Barkhausen-Kurz-Schwingungen bildeten die Grundlage zur Nutzung der Kurzwellentechnik  für Radar, Radio und Fernsehen und sollten in den nächsten Jahrzehnten besondere Bedeutung erfahren. Andere Wissenschaftler brachten es zwar nicht zu wissenschaftlichen Durchbrüchen, legten aber die Fundamente der TH Dresden als eine der wichtigsten Forschungseinrichtungen in Deutschland.

Abdankung der Wettiner und Reform Sachsens
Sachsen wurde in den letzten Tagen des Weltkrieges von den gleichen Dynamiken erfasst wie der Rest des Reiches. Die angespannte wirtschaftliche und soziale Lage und die mangelhafte Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln führten immer wieder zu Streiks und Protesten. 1917 versuchte die sächsische Regierung noch, diesen Tendenzen durch eine parlamentarische Reform entgegen zu wirken. Es wurden Verhandlungen über eine Verfassungsänderung aufgenommen, die jedoch rasch von den politischen Ereignissen auf der Straße überholt wurden.

Am 6. November 1918 gründeten sich die ersten sächsischen Arbeiter- und Soldatenräte, nur zwei Tage später kam es zu Aufständen in Chemnitz, Leipzig, Dresden und anderen Städten. Am 9. November erfassten die Unruhen dann den sächsischen Hof - es ist einer Weisung Friedrich August III. zu verdanken, dass kein Blut floss und die Konstituierung des "Vereinigten revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat[es] von Dresden" ohne anarchistische Tendenzen vonstatten ging.

Friedrich August III. verkündete am 13. November von seinem Fluchtort Guteborn aus den Verzicht auf den sächsischen Thron. Die einen Tag später veröffentlichte "Proklamation an das sächsische Volk" legte die Ziele der revolutionären Bewegung fest. Die Volksbeauftragten des Rates forderten die Behörden auf, ihre Tätigkeiten und Dienstgeschäfte nicht einzustellen und so die öffentliche Ruhe und den Weg zu freien Kommunalwahlen im Januar  und die Wahl der Volkskammer am 2. Februar 1919 zu sichern. Die erstmals in allgemeiner, gleicher, geheimer und direkter Wahl gewählten Volksvertreter verabschiedeten unter Federführung der MSPD und USPD am 28. Februar 1919 das vorläufige Grundgesetz für den Freistaat Sachsens, womit die Monarchie endgültig beseitigt wurde.