Friedliche Revolution

Fast 20 Jahre nach der friedlichen Revolution kann man die deutsche Wiedervereinigung nur als historischen Glücksfall der deutschen Geschichte bezeichnen. Allen gesellschaftlichen und sozialen Problemen, die dieser Prozess vor allem in den neuen Ländern ausgelöst hat, zum Trotz sind die Erfolge unverkennbar und deutlich sichtbar. Durch Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und die damit verbundene persönliche Freiheit kann nunmehr jeder seine individuellen Möglichkeiten entfalten, ohne Angst vor staatlichen Repressalien.

Im Sommer 1989 setzte eine Massenfluchtbewegung aus der DDR über die österreichisch-ungarische Grenze und die bundesrepublikanischen Botschaften ein. Zehntausende verließen auf zum Teil abenteuerlichen Wegen die politisch und wirtschaftlich reformunfähige DDR. Im September 1989 gingen zunächst einige hundert Menschen in Leipzig auf die Straße. Deren Forderungen, etwa nach Reisefreiheit, sind für unsere globalisierte Gegenwart kaum noch nachvollziehbar. Und doch waren sie für die damaligen Umstände außerordentlich mutig und alles andere als selbstverständlich. Dass sich aus dieser kleinen Schar Couragierter die gewaltigen Demonstrationszüge des Oktobers und Novembers 1989 die allenthalben in der ehemaligen DDR stattfanden – entwickeln würden, ahnte niemand. Schließlich führte diese Entwicklung zur Maueröffnung und damit zum Umsturz des politischen Systems der DDR sowie des gesamten Ostblocks und gipfelte nach über 40 Jahren der deutschen Teilung in der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990.

Den Erfolg der in der DDR weitgehend friedlichen Revolution bestimmten zahlreiche interne und externe Faktoren, die sich zum Teil glücklich miteinander verbanden, aber auch gegenseitig bedingten. Insbesondere die permanenten und dauerhaften Demonstrationen ab September 1989 waren für den Erfolg entscheidend und sind von großer internationaler Bedeutung. Die friedlichen Proteste im Herbst 1989 haben die bewaffnete Macht des SED-Regimes besiegt. Auf alles waren die Machthaber vorbereit, aber nicht auf den friedfertigen massenhaften Protest und dessen Symbole. So wie die SED-Führung über die Wirkung des vielfachen friedlichen Protests überrascht war, so erstaunt war auch das Ausland und die Demonstranten selbst. Die von der Bürgerrechtsbewegung angestoßene Bürgerbewegung war zugleich Ausdruck der internen Staatskrise.

Nachdem das Ende der SED-Diktatur besiegelt war und die Mauer geöffnet wurde, sicherten vor allem die aus der Bürgerrechtsbewegung entstanden Runden Tische die erzielten Erfolge. In den ersten freien Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 bekundeten die Bürger auf breiter Basis ihre Zustimmung zu den Reformen und auch zur deutschen Wiedervereinigung. Die demokratischen Parteien erzielten ein überwältigendes Ergebnis. Die demokratisch legitimierte Volkskammer und die aus ihr entstandene erste demokratische DDR-Regierung hatten die schwierige Aufgabe, den Weg zur Wiedervereinigung zu ebnen. Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit, konstituierten sich zugleich die fünf neuen Bundesländer. Ein komplexer Transformationsprozess veränderte in den folgenden Jahren das Leben vieler Menschen in und außerhalb Deutschlands.


(Frank Uhlmann)